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Provinz und weite Welt

Zwei größere Straßen, fünf Kneipen, zwei Metzger, vier Bäcker, ein Supermarkt. Um Glashütte zu zählen, reichen die Finger einer Hand.
Das Städtchen zwischen Dresden und tschechischer Grenze ist an sich ein Dorf und unterscheidet sich nicht sonderlich von Nachbarorten wie Oberhäslich und Elend. Eigentlich. Allerdings: Hier leben die besten Uhrmacher der Welt. Warum?

Die Stadt Glashütte soll ihre Gründung einem Mönch verdanken, der auf dem Weg von Prag nach Meißen hier vorbeikam und in den Hirtenwiesen zufällig Silbererz fand, das unterm Rasen hervortrat. Es dauerte nicht lang, bis Bergleute aus verschiedensten Gegenden kamen, „die Silberadern zu ritzen“, und bald prägten Hammerwerke, Schmelzhütten und Kohlenmeiler das Bild der Stadt, das auch heute noch die nicht eben feinen Werkzeuge Hammer und Schlägel und nicht etwa Uhrmacherwerkzeuge im Wappen führt.



Das von Felsen und Berghängen umgebene Tal, in dem Glashütte liegt, die Abgeschiedenheit, die Ruhe, die Langeweile, sind offenbar das richtige Umfeld für denjenigen, der hunderte von filigranen Einzelteilen fertigt, mit Hilfe von Mikroskop und Lupe, Pinzette und kleinen Schraubenziehern in höchster Präzision zusammenbaut und in ein enges Gehäuse verpflanzt. Die Uhrmacher hier haben viel Erfahrung.

Vor gut 150 Jahren schon hatte Ferdinand Adolph Lange damit begonnen, hier Korbflechter und Bergarbeiter in der Uhrmacherkunst zu unterrichten und bald schon die erste Werkstätte eröffnet. Im Laufe der Jahre wurden es immer mehr, die Uhren bauten; Manufakturen ließen sich nieder, Glashütte wurde der weltbekannte Geburtsort edler Uhren. Bis zwei der weniger rühmlichen Kapitel kamen – der Krieg und die DDR. „Kriegswichtige Instrumente“, Quarzuhren, der Verfall der Werkstätten und Ateliers: Diese Jahrzehnte sind rasch erzählt und haben mit dem Glashütte von heute nicht mehr viel gemein. Allerdings: Das Wissen der Uhrmacherfamilien, das über Generationen weitergegeben worden war, konnte über diese Zeit gerettet werden; gerade noch rechtzeitig, so lange die Uhrmacher alter Schule noch lebten, fiel die Mauer.

Nach der Wende ist dem verschlafenen Ort dann das gelungen, was anderswo in der Ex-DDR scheiterte. Auf den Trümmern eines volkseigenen Betriebes, der auf Massenproduktion zielte, sind erfolgreiche Unternehmen entstanden. Drei Manufakturen, verschiedenes an Zulieferindustrie und kleineren Firmen. Glashütter Uhren fehlen heute in kaum einem Sortiment renommierter Juwelierläden in London, Paris, Singapur und Abu Dhabi. Glashütte ist also längst nicht mehr nur Provinz. Glashütte ist auch große weite Welt.

Walter Lange, der Urenkel des legendären Begründers der Uhrenindustrie in Glashütte, kehrte nach der Wende hierher zurück, aber auch Pioniere witterten ihre Chance. Halfen mit modernen Mitteln, das Wirtschaftswunder-Ost aufzubauen, ohne dabei die Tradition aus dem Auge zu verlieren. Einer von ihnen war Roland Schwertner, Gründer und Geschäftsführer von NOMOS Glashütte.

Schmückt tatsächlich alles und jederzeit:
das Wappen von Glashütte.