U
Uhrenmuseen in Glashütte und Europa
Eine Taschenuhr mit Schlüsselaufzug, eine mit Selbstaufzug von 1900, eine mit Minuten-Schlagwerk, Baujahr 1920. Tourbillons, die erste in Deutschland produzierte Armbanduhr, Fliegeruhren: Seltenes, Teures, Kompliziertes. Über 160 Jahre Uhrmachergeschichte in Glashütte gibt es im Uhrenmuseum (dem, klar, einzigen Museum der Stadt). Taschen-, Pendel- und Armbanduhren. Marinechronometer, Gangmodelle, Arbeitsplätze verschiedener Uhrmachergenerationen. „Echt cool“, schrieb ein Besucher ins Gästebuch, „lustig, die VEB-Uhren“ ein anderer. Und einer verneigt sich auch „in großer Bewunderung vor den alten Meistern“.
Die Adresse: Schillerstraße 3a. Täglich von 10.00 bis 17.00 Uhr geöffnet. Eintritt: 6 Euro, ermäßigt 4 Euro, Kinder bis 6 Jahre frei.
Adressen einiger anderer wichtiger Uhrenmuseen und -sammlungen in Mitteleuropa: Historisches Museum Basel, Haus zum Kirschgarten, Elisabethenstraße 27, CH-4051 Basel; Musée jurassien d’art et d’histoire, 52, rue du 23 juin, CH-2800 Delémont; Musée International d’Horlogerie, 29, rue des musées, CH-2301 La Chaux-de-Fonds; Musée d’Art et d’Histoire, 1, quai Esplanade Léopold-Robert, CH-2001 Neuchâtel; Uhrenmuseum der Stadt Wien, Schulhof 2, A-1010 Wien; Turmuhrenmuseum Delligsen, Rotestraße, D-31073 Delligsen; Staatlicher Mathematisch-Physikalischer Salon, Sophienstraße, D-01067 Dresden; Uhrenmuseum, Am Geografergenhof 5, D-49186 Bad Iburg; Deutsches Uhrenmuseum, Robert-Gerwig-Platz 1, D-78120 Furtwangen.
Uhrenparadoxon
Das Uhrenparadoxon ist ein nur scheinbar paradoxer Sachverhalt, wonach eine Uhr B, die sich nahezu mit Lichtgeschwindigkeit von einer ruhenden Uhr A fort- und danach auch wieder zurückbewegt, nach ihrer Rückkehr gegenüber A nachgeht.
Uhrenstrich

„Uhrenstrich“ wird jener Viertelkilometer genannt, auf dem alle bekannten deutschen Uhrenmanufakturen beheimatet sind. Er beginnt am Ferdinand-Adolph-Lange-Platz und führt aus der Stadt in Richtung Altenberg. Korrekt heißt er Altenberger Straße. Hier liegen die Glashütter Uhrenbetriebe GUB, A. Lange und Söhne, die Wempe Chronometerwerke, sowie, im umgebauten Bahnhof, NOMOS Glashütte.
Umschulung: wie man ein Spitzenuhrmacher wird
Fummeln auf Weltniveau – nicht wenige würden gern Uhrmacher in Glashütte werden. Auch so mancher Uhren- oder Mechanikliebhaber, der die Manufaktur bei NOMOS besichtigt hat, fragt nach Ausbildungs- und Umschulungsmöglichkeiten. Wie aber kommt man nach Glashütte, in den Himmel der Uhrmacherei, und läuft nicht Gefahr, nach der Lehre im Kaufhaus die Batterien von Weckern zu wechseln? Der exzellente Uhrmacher unterscheidet sich vom durchschnittlichen Uhrmacher in erster Linie durch seine Wesenseigenschaften. Beide haben zunächst eine Ausbildung zum Uhrmacher absolviert. (Voraussetzungen dafür: mindestens Realschulabschluss, besser Abitur, gute Noten in Deutsch, Mathe, Physik. Auch Kenntnisse in Französisch sind äußerst hilfreich, da Französisch quasi die Sprache der Uhrmacherei ist. Gute Chancen, eine Lehrstelle zu bekommen, haben übrigens durchaus auch habilitierte Mathematiker und Physiker.) Nach der Lehre trennt sich die Spreu vom Weizen. Ein First-Class-Uhrmacher hat extrem viel Geduld, er ist ausdauernd, verfügt über großes handwerkliches Geschick und technisches Verständnis, und: Er liebt das Kleine – Fummelkram ist seine Leidenschaft. Die Hände des Uhrmachers sind ruhig. Er ist resistent gegen Psychosen, die sich aus dem eingeschränkten Arbeitsfeld ergeben, und zumeist glücklich und zufrieden mit einem Privatleben, das andere – nicht er! – mit Vokabeln irgendwo auf der Skala zwischen „solide“ und „langweilig“ beschreiben würden. Sein brennender Wunsch: das eigene Tourbillon.
Umweltverträglichkeit
NOMOS Glashütte legt großen Wert auf die umwelt- und gesundheitsgerechte Herstellung der Uhren. Bei allen Materialien wird darauf geachtet, dass sie möglichst umweltschonend gewonnen werden. Sie sind – soweit irgend machbar – antiallergen. NOMOS Glashütte bezahlt Mitarbeitern Fahrten mit dem Öffentlichen Nahverkehr, das Kantinenessen stammt möglichst oft aus Glashütter Gärten, und auf Flüge wird weitestgehend verzichtet: Umwelt- und Naturschutz (und damit häufig einhergehend der Schutz der Gesundheit von Mitarbeitern und Kunden) sind in der Unternehmensphilosophie verankert.
Unruh(e) – in mechanischen Uhren wie in Beinen und Füßen
Die Unruh ist ein Bestandteil der mechanischen Uhr. Sie sorgt dafür, dass die Zugfeder ihre Kraft geregelt und dosiert abgibt – und sie nicht auf einen Rutsch innerhalb von Sekunden abspult. Dank der Unruh wird die Kraft, die in der Zugfeder gespeichert ist, gebremst und in eine Drehschwingung umgewandelt. Sie ist das Takt gebende Element, das mechanische Zeitmessung erst möglich macht. Die Unruh aber ist auch das Element, das zusammen mit dem Anker die Uhr hörbar macht: Die dosierte Entspannung der Feder macht tick und macht tack.
Unruh(e)n jedoch gibt es nicht nur in mechanischen Uhren, sondern auch in vielen menschlichen Beinen. Bei unruhigen Beinen handelt es sich um ein neurologisches Krankheitsbild, das erstmals 1685 beschrieben wurde, 1945 von einem schwedischen Nervenarzt die Bezeichnung „Restless Legs Syndrom“ erhielt und das ganz offensichtlich in der heutigen Zeit stark verbreitet ist; es zählt zu den häufigsten Erkrankungen des Nervensystems. Zwischen fünf und zehn Prozent der Bevölkerung leiden heute bereits unter quälend unruhigen Beinen und Füßen.
Die Betroffenen berichten von Unruhe und Missempfindungen, die sie zumeist nur schwer beschreiben können. Die Schilderungen reichen von Ziehen und Reißen über Jucken und Kribbeln bis hin zu quälenden Schmerzen. Die Unruhe nimmt im Liegen und beim Sitzen zu, wird gegen Abend und in der Nacht schlimmer. Da Bewegung kurzfristige Besserung bewirkt, schreiten die Erkrankten nicht selten ruhelos umher, weswegen sie oft wenig Schlaf finden. Meist sind beide Beine betroffen, selten auch die Arme. Typischerweise kommt es bei den Betroffenen auch zu unwillkürlichen Muskelzuckungen, die auch im Schlaf auftreten können. Frauen sind häufiger als Männer, Ältere häufiger als Jüngere betroffen. Unterschieden wird die vererbte Form (bei der keine weiteren Ursachen gefunden werden können) von der Unruhe-Erkrankung, bei der objektivierbare Störungen gefunden werden können: etwa Genussmittel-Missbrauch, Medikamenten-Unverträglichkeit, Organ- oder Wirbelsäulenerkrankung. Bei großem Leidensdruck kann den Patienten meist gut mit Medikamenten geholfen werden, die den Nervenstoffwechsel modifizieren. Denn nach der heute gängigen Lehrmeinung sind Störungen im Nervenstoffwechsel und damit Störungen der Nervensubstanz Ursache von unruhigen Füßen. Eine psychosomatische Ursache wird – noch – in Frage gestellt, dies jedoch könnte auch dem Zeitgeist und unserer in mancher Hinsicht auch beschränkten Untersuchungs-Methodik geschuldet sein. Der Verfasser dieser Zeilen jedenfalls, selbst Arzt, hält psychosomatische Auslöser wie bei vielen Erkrankungen der heutigen Zeit für eher wahrscheinlich: Unruhige Beine, so könnte man auch sagen, sind dann zu sehen als Folge eines aus dem Rhythmus geratenen Lebens. Und so schließt sich der Kreis zur Unruh der mechanischen Uhr – jenem Teil, das dem Federzug einen Rhythmus gibt, der Zeit einteilt, sie also möglich macht.
Unruhspirale
Die moderne Unruhspirale ist ein Superlativ der Uhrmacherei: etwa viermal dünner als ein menschliches Haar und nur 0,002 Gramm schwer. Läuft das Uhrwerk ein Jahr lang ununterbrochen, so hat sich die Unruhspirale mehr als 200 Millionen Mal ausgedehnt und wieder zusammengezogen.
Doch was ist eine Unruhspirale, was genau macht sie? Die spiralförmige Feder sitzt auf der Unruhwelle. Sie sorgt dafür, dass die Unruh gleichmäßig hin und her schwingt. Die Genauigkeit der Uhr hängt wesentlich von der Form dieser Spirale ab: Über Jahrhunderte versuchten Mathematiker vergebens, die optimale Biegung zu ermitteln. Der große Abraham-Louis Breguet experimentierte mit verschiedenen Formen und fand heraus, dass ein hochgebogenes äußeres Ende die Genauigkeit der Uhr deutlich erhöht. Die nach ihm benannte Breguet-Spirale wird seither in allen hochwertigen Uhren verwendet.
Unterschied zwischen Chronometer-Prüfungen in Deutschland und der Schweiz
Die Schweizer Chronometer-Prüfung der C.O.S.C. (Contrôle Officiel Suisse des Chronomètres) ist eine Prüfung der Ganggenauigkeit der Uhrwerke nach den Regeln der Deutschen Industrienorm (DIN) 8319. Allerdings: mit Einschränkungen. Denn während die DIN-Norm für Chronometer die Prüfung der kompletten, fertigen Uhr vorsieht, führt die C.O.S.C. diese am nackten Werk durch. Erst danach wird das Werk eingeschalt.
Ein Kunde mit einer C.O.S.C.-zertifizierten Uhr weiß so zwar mit Sicherheit, dass das Werk seiner Uhr im Testlabor den vorgeschriebenen Werten der DIN entsprochen hat, jedoch nicht, ob sich nicht vielleicht beim Einbau des Werkes ins Gehäuse daran noch etwas geändert hat, die fertige Uhr diesen Test also auch noch bestehen würde.
